Sie schreibt über Frauenfeindlichkeit, patriarchale Verhältnisse und die starre Befolgung religiöser Rituale: Mit dem von der indischen Autorin Banu Mushtaq verfassten Buch „Heart Lamp“ wurde erstmals eine Kurzgeschichtensammlung mit dem „International Booker Prize“ ausgezeichnet. Eine so herausfordernde wie belohnende Lektüre.

Feministische Themen, herausfordernde Perspektiven und ein roher und unverblümter Einblick in den Alltag von Frauen und Mädchen in patriarchalen Gesellschaften in Südindien – das hat der diesjährige Gewinner des „International Booker Prize“ zu bieten. „Heart Lamp“, geschrieben von der indischen Schriftstellerin Banu Mushtaq, ist der erste Kurzgeschichtensammelband, der den Preis jemals gewonnen hat. Er gilt als die bedeutendste Auszeichnung, die eine übersetzte, nicht in Englisch verfasste Novelle in Großbritannien erhalten kann.

Die verschiedenen Geschichten fungieren zusammen als das Mosaik einer Gesellschaft, bei dem jedes Stück einen einzigartigen Einblick in das eher ländliche Leben verschiedener südindischer Familien verschafft. In den zwölf Kurzgeschichten kann man sich vor allem in die Lebensrealitäten der verschiedenen Frauen hineinversetzen und wird zu einer kritischen Analyse der vorliegenden patriarchalen Strukturen aufgerufen.

Übersetzt wurde das Buch von Deepa Bhasthi aus dem Kanaresischen – einer Sprache, die überwiegend in Südindien gesprochen wird. Der Schreibprozess für „Heart Lamp“ habe sich laut der Autorin von 1990 bis 2023 hingezogen. Die einzelnen Kurzgeschichten wurden im Lauf der Jahre bereits im Original publiziert, im vergangenen Jahr wurden sie auch auf Englisch veröffentlicht. Pläne, das Buch ins Deutsche oder Französische zu übersetzen, gibt es derzeit noch nicht – zumindest hat bislang kein Verlag eine entsprechende Übersetzung angekündigt.

Die verschiedenen Themen der Geschichten drehen sich größtenteils um internalisierte Misogynie – frauenfeindliche Praktiken, die sich gesellschaftlich etabliert haben und als normal angesehen werden –, behandeln aber auch andere negative Einflüsse des Patriarchats, wie zum Beispiel den sozialen Druck, der auf Männern lastet. Ein anderes wiederkehrendes Muster ist die Diskrepanz zwischen Religion und dem Verhalten, das Menschen im Namen dieser an den Tag legen. Während es in den Geschichten ausschließlich um muslimische Haushalte geht, lässt sich die Quintessenz der jeweiligen Erzählungen auf jegliche Religion anwenden.

Die Kritik an Geschlechterrollen wird nur provokant angeschnitten, aber nicht ausgeführt, weshalb ihre Deutung letztlich der Leserschaft überlassen bleibt. Auch allgemein ist die „Moral“ der verschiedenen Kurzgeschichten in „Heart Lamp“ teilweise nur schwer zu ergründen; man muss sich also die Zeit nehmen, verschiedene Abschnitte gar wiederholt lesen. Hat man mit der Lektüre einer Geschichte begonnen, lässt sich selten erahnen, wie diese sich entwickelt. Oft wirken die Erzählungen zunächst etwas langatmig, doch was anfangs als bloß schmückendes Detail wahrgenommen wird, kristallisiert sich im Nachhinein womöglich als eine relevante Information heraus.

Eine besonders eindrucksvolle Geschichte handelt von einer vierköpfigen Familie, bei der die Frau sich um den dreijährigen Sohn kümmert und der Mann seinen Verantwortungen als „Mutawalli“ nachgeht, was in diesem Fall eine Art Gemeindevorsteher meint. (Das arabische Wort „Mutawallī“ steht allgemein für eine Person, die mit der Verwaltung, Aufsicht oder Verantwortung über etwas betraut ist.)

Der Sohn ist krank, und die Mutter muss sich, unterstützt von ihrer Tocher, Tag und Nacht um ihn kümmern. Als devoter Muslim widmet sich der Mann derweil seinen Verpflichtungen für die Gemeinde. Es herrscht Aufruhr, da der Leichnam eines Dorfbewohners angeblich auf nicht-muslimischem Boden und somit nicht regelgemäß begraben wurde. Zwar galt er als Herumtreiber und war nicht gut angesehen, doch ist man sich einig, dass man ihm die letzte Ehre erweisen muss.

Eine Konstante ist die sprachliche Form, die Banu Mushtaq sich angeeignet hat, und deren Schönheit in einem starken Kontrast zu der brutalen Wirklichkeit der Handlungen steht.

Gemeinsam bringt man den Leichnam vom hinduistischen zum eigenen Friedhof. Die Prozession jedoch wird durch einen Unruhestifter gestört, der sich als der vorgeblich Verstorbene erweist. Voller Schock oder auch Scham, sich so hingebungsvoll dem Begräbnis eines Taugenichts zu widmen, und ihn dann lebendig aufzufinden, machen sich alle betreten auf den Weg nach Hause, zusätzlich von dem Gedanken geplagt, womöglich fälschlicherweise den Leichnam eines Hinduisten ausgegraben zu haben, um ihn dann auf muslimische Manier zu beerdigen.

Völlig erschöpft kommt der Muta- walli zuhause an, wo er von seiner Tochter erfährt, dass seine Frau den Sohn inzwischen ins Krankenhaus bringen musste. So beschäftigt war er mit dem vermeintlichen Verstoß gegen das Recht eines Toten gewesen, dass er das Wohlergehen seiner eigenen Familie – laut dem Islam eine der wichtigsten Pflichten als „Versorger“ – vernachlässigt hat.

Was das Buch für eine internationale Leserschaft besonders macht, ist die unkonventionelle Schreibweise: Anstatt sich an den Regeln des englischen Sprachgebrauchs festzuklammern, hat sich die Übersetzerin für eine freiere Version mit vielen wörtlichen Übersetzungen und kulturellen Referenzen entschieden. Dadurch wird das Lesen zunächst erschwert, da man einige Begriffe – ob aus dem Kanaresischen oder aus dem Arabischen – erst einmal nachschlagen muss. Am Ende jedoch wird man mit der tieferliegenden Essenz der Geschichte, samt ihrer gesellschaftlichen Implikationen, belohnt. Viele Gefühle und Eindrücke werden durch eine bildliche Sprache vermittelt. So werden zum Beispiel Naturphänomene als Metapher für Emotionen eingesetzt.

Stellenweise wirkt die Lektüre geradezu überfordernd. Man wird förmlich bombardiert mit Eindrücken und Praktiken, mit denen man sich erst auseinandersetzen muss. In puncto Schreibstil, Aufbau und Botschaft unterscheiden sich die Geschichten stark. Das ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass sie innerhalb eines Zeitraums von über 30 Jahren verfasst wurden. Eine Konstante ist die sprachliche Form, die Banu Mushtaq sich angeeignet hat, und deren Schönheit in einem starken Kontrast zu der brutalen Wirklichkeit der Handlungen steht. Wie Süßwasserperlen findet man die Geschichten aneinander gereiht: keine perfekt, aber jede einzelne dennoch auf ihre Art faszinierend.

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